Sandra Bartocha & Claudia Müller - Sibillini NP, Italien
August 20th, 2009 Posted in Southern Europe, UncategorizedOther Languages:

Der Himmel ist blau. Die Grillen zirpsen um die Wette. Die Wiesen sind bunt. Wir sitzen auf der Terrasse des Refugio Perugia, unserem Basiscamp für die nächsten Tage in den Bergen des Sibillini NP und genießen unseren ersten Latte Macchiato den uns der Wirt jeden Morgen in der Variante “strong” bringt - wahrscheinlich sehen wir so aus als hätten wir die Extradosis Koffein dringend nötig.
In der Zwischenzeit hängen die Kameraakkus an der Steckdose und laden Energie für die nächste Fotosession. Die Schuhe sind noch ganz nass von unserer Morgenfotorunde auf der Piano Grande und die Speicherkarten randvoll mit tauglitzernden Narzissen.

Von Mitte bis Ende Mai, je nach Wetterlage, ist die Ebene ein riesiges gelbes Meer aus Narzissus poeticus und Ranuculus acris (Scharfer Hahnenfuß) - das Ziel für Reisebusse, unzählige Ausflügler, Caravantourer, Motoradcruiser … und fotografische Herausforderung und Teil unserer letzten Mission bei WWoE für uns.

Früh Morgens streifen Nebelschwaden über die stille Ebene. Nur die Lerchen steigen hoch in den blauen Himmel. Das sind unsere Stunden in denen wir auf der Piano Grande arbeiten. Im ersten Licht entstehen Landschaftsbilder mit den umliegenden Bergen deren blaugraue noch beschattete Hänge einen wunderschönen Farbkontrast zum Gelb der Blumen bilden. An den Rändern der Ebene breiten kleine Felder einen Patchworkteppich in grün und braun aus. Irgendwann schiebt die Sonne ihre Strahlen über den Costa del Vettore und die Tautropfen auf der Blumen glitzern in allen Regenbogenfarben. Jetzt sind die Auslösegeräusche der Kameras im Sekundentakt zu hören. Mit den Stativen und einer Folie bauen wir uns ein Schattensegel für den Quadratmeter der Wiese auf dem wir arbeiten. So mildern wir das harte Licht und können so lange fotografieren bis der Wind den letzten Tau von den Narzissenblüten getrocknet hat.
Von weitem sind wir, so flach auf der Wiese liegend, neben uns die dicken Fotorucksäcke und unseren Foliensegeln für die Pilzsammler die auch über die Piano streifen, ein etwas seltsamer Anblick. Und mancher nähert sich vorsichtig in großen Runden, um mit gebührendem Abstand und mit langem Hals unser Tun einzuordnen. Mit der Sonne steigen die Temperaturen rasch, der schwere Geruch der Narzissen liegt in der Luft und der Gesang der Feldlerchen wird von tausenden Zikaden übertönt. Der Wind trägt die lauten Rufe der Hirten die ihre Schafe auf die grünen Hänge treiben und das Tuckern der Traktoren über die Piano Grande. Die ganze Szenerie lässt sich auf ein Wort reduzieren - stille Zufriedenheit. Wir genießen diese Zeit. Aber eigentlich lassen sich diese Momente weder in Worten, noch in Bildern fassen.

Der Sibillini Nationalpark mit seinen über fünfzig 2000ern und seinen permanent wechselnden Panoramasichten ist ein Paradies für Bergwanderer . Ein Blick auf die Nummernschilder auf den Parkplätzen zeigt, dass Briten, Franzosen, Niederländer und Deutsche diese Region für sich entdeckt haben. An den Wochenenden nutzen viel Römer den Nationalpark, um Ruhe und Erholung von der überhitzten Großstadt zu finden. Ganze Familien sitzen mit ihren Picknickkörben auf den farbenprächtigen Wiesen. Zahlreiche Refugios bieten günstige Übernachtungen und kleine Tavernen laden dazu ein, die kulinarischen Spezialitäten der Region zu probieren. Eine ausgezeichnete Wanderkarte im Maßstab 1: 25.000 und gut markierte Wege machen es leicht, sich in der Region zu orientieren. Jetzt im Mai sind die Bergwiesen mit einem Farbmix aus Gelb, Blau und Violett überdeckt.

Große Bestände an Vergissmeinnicht, Orchis mascula und Dactylorhiza sambucina überziehen die Hänge. Dazwischen finden wir immer wieder kleine Grüppchen der endemischen Form der Schachbrettblume (Fritillaria Tendia), die ihre kleinen Glöckchen mit dem Karomuster im Wind schaukeln lassen.
Schmetterlinge gaukeln von Blüte zu Blüte. Unzählige kleine Käferchen und Spinnen sind im tiefen grünen Gras unterwegs. Es macht Spaß, über diese Wiesen zu streifen und immer neue Gewächse zu entdecken. Nur der permanente Wind und die für diese Jahreszeit extrem hohen Temperaturen machen nicht nur uns, sondern auch den Pflanzen zu schaffen und raffen die Blütenpracht, viel schneller als uns lieb ist, dahin. Ein Wiesenstück, welches wir am Vortag noch ganz begeistert durchwandert haben und am nächsten Morgen im ersten Licht und Tau fotografieren wollten, sieht am nächsten Tag völlig trostlos aus.
Das für uns sehr limitierte Zeit-Licht-Fenster für Landschaftsaufnahmen, die die Schönheit dieses Frühlingsaspektes vermitteln, wird noch kleiner. Jedes kleine weiße Wölkchen, welches im Laufe des Tages am Himmel entlang zieht, wird von uns begeistert begrüßt, in der Hoffnung, dass es Richtung und Geschwindigkeit beibehält, um unseren Sonnenuntergangsfotos ein bisschen Pep zu geben. So schade es für uns ist, dass die Frühlingsblumen so schnell verschwinden, so groß wird die Vielfalt dessen sein, was es in den nächsten Wochen an Neuem, Spannenden und Unbekannten aus Floras Reich hier in den Sibillinis zu entdecken gibt. Die Farben der Bergwiesen werden ständig wechseln und wahrscheinlich ist es unmöglich zu sagen wann der perfekte Zeitpunkt für einen Besuch ist. Jeder Tag, jede Woche, jeder Monat bietet Reizvolles, wenn man sich darauf einlässt.
Vielen Dank an Maurizio Biancarelli für die Einführung und die Zeit. Wir können gut verstehen, warum Du immer wieder gerne in die Sibillinis zurückkehrst. Wir haben noch nicht viel von ihnen gesehen, aber das, was wir kennenlernen durften, ist wunderschön.
Danke an Giuliana und ihr Team vom Refugio Perugia für den tollen Service und die kleinen Ausflüge in eine exzellente italienische Küche.
Danke an die Skydancer aus Heidelberg für den Schnellexkurs in Wetterkunde, und lasst euch immer den richtigen Wind um die Nase wehen.
Sandra Bartocha & Claudia Müller / Wild Wonders of Europe
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